Stoßwellentherapie

Das Prinzip der Stoßwelle

Die extrakorporale Stoßwellentherapie im Bereich der Orthopädie greift auf das vor über 10 Jahren in die Urologie eingeführte Verfahren der nicht-invasiven Behandlung (Zertrümmerung ) von Nieren- und Uretersteinen zurück.

Außerhalb des menschlichen Körpers werden Schallwellen von einem System (Zündkerze, Lautsprecher, Piezokristalle oder Elektromagnetische Stoßwellen Emitter) erzeugt. Diese Schallwellen können durch eine akustische Linse fokussiert werden und steilen sich auf dem Weg zum Fokus zur Stoßwelle auf. Dieser wirksame Fokus hat die Form eines überdimensionalen Reiskorns von mehreren Millimetern im Durchmesser.

Die Stoßwellen zeichnen sich dadurch aus, daß sie einen sehr hohen Druck besitzen, von sehr kurzer Zeitdauer sind und eine sehr hohe Impulsleistung aufweisen.

Die fokussierten Stoßwellen werden über ein Wasserkissen und ein Koppelmedium auf das Schmerzzentrum des Patienten ausgerichtet. Eine individuelle Energiedosierung ermöglicht eine effektive und schonende Therapie des Patienten.

Niedrig- vs. Hochenergieverfahren

Innerhalb der orthopädischen ESW-Therapie werden gegenwärtig zwei verschiedene Verfahren eingesetzt, das Niedrig- und das Hochenergieverfahren. Sie unterscheiden sich physikalisch durch die unterschiedlichen Energien der Stoßwel len voneinander und werden durch folgende Formel determiniert.

E ~ p2 x A

Die Stoßwellenenergie (E) ist das Produkt aus dem Druck im Fokus (p2), der üblicherweise in mJ/mm2 gemessen wird und der Fokusfläche (A) selbst - in der Regel wird diese in mm2 angegeben.

Niedrigenergie liegt dann vor, wenn entweder der Druck im Fokus niedrig und/oder die Fokusfläche selbst klein ist. Auch bei der Existenz eines hohen Fokusdrucks (z.B. 0,5 mJ/mm2) spricht man immer noch von Niedrigenergie, wenn die Fokusfläche klein ist, da die Gesamtenergie (E) niedrig ist.

Hochenergie zeichnet sich durch einen hohen Druck im Fokus (ab etwa 0,28 mJ/mm2) und einer großen Fokusfläche aus. Mit anderen Worten: Hochenergie liegt nur dann vor wenn ein hoher Druck auf einer großen Fläche erreicht wird, denn damit ist die Gesamtenergie (E) sehr hoch.

Das Niedrigenergieverfahren ist das wissenschaftlich weniger dargestellte Therapieverfahren. Bei Ansatztendinosen sind in der Regel 3 - 5 Behandlungen von jeweils 30 - 45 minütiger Dauer notwendig. Über Behandlungsergebnisse von Schulterverkalkungen und Pseudarthrosen wurde wissenschaftlich bisher nicht berichtet.

Das Hochenergieverfahren ist das am besten wissenschaftlich dargestellte. In der Regel reichen 1 - 3 Behandlungen bei einer Dauer von etwa 15 Minuten zur Therapie des Patienten aus. Das Schmerzzentrum des Patienten kann aufgrund der höheren Gesamtenergie, insbesondere wegen des größeren Fokus", flächendeckender, schneller und auch effektiver behandelt werden. Es können wirksam alle der nachfolgend aufgeführten Erkrankungen des menschlichen Bewegungsapparates behandelt werden.

Indikationen

Die wissenschaftliche Forschung und klinische Praxis der letzten Jahre hat die ESW-Therapie bei einer Viezahl von Indikationen etabliert. Je nachdem, ob das Niedrig- oder Hochenergieverfahren angewendet wird, können folgende Indikationen mittels ESW-Therapie behandelt werden:

•  Pseudarthrosen;

•  Tendinosis calcarea der Supraspinatussehne bzw. PHS calcarea / adhaesiva;

•  Epicondylitis humeri radialis et ulnaris;

•  plantarer Fersensporn.Achillodynien;

•  Tendinosen / Bursitiden am Trochanter major mit oder ohne Calcifikation;

•  verzögerte Knochenbruchheilungen.

Kontraindikationen

Gegenanzeigen, die nach heutigem Kenntnisstand eine Anwendung der ESW-Therapie verbieten sind:

•  Tumorpatienten;

•   Epiphysenfugenbereiche bei Heranwachsenden;

•   Behandlung von Rippen, Wirbelkörpern und Schädelknochen;

•   Beschallung von großen Gefäßen (Thrombosegefahr), Nerven-, Darm- und  
     Lungengewebe;

•  Patienten mit Gerinnungsstörungen (Marcumarpatienten);

•  infizierte Pseudarthrosen bzw. Infektionen im Behandlungsgebiet;

•  Schwangerschaft;

•  Herzschrittmacherpatienten;

•  periartikuläre Ossifikationen, z.B. nach Hüft-TEP Implantation

•  Steroidinjektionen weniger als 6 Wochen vor ESWT

Wirkungsmechanismen

In der Urologie zertrümmern die Stoßwellen Steine. In der orthopädischen Anwendung werden keine zerstörende Wirkungen beobachtet, sondern heilende Prozesse ausgelöst.

Die biologischen und medizinischen Wirkungsmechanismen sind noch nicht abschließend geklärt. Status der Forschung ist, daß Körperzellen auf Stoßwellen reagieren und es zur Aktivierung körpereigener Reperaturmechanismen kommt.

Bei der Behandlung einer Kalkablagerung führen die Stoßwellen zu einer Konsistenzveränderung des Depots. Makrophagen sorgen für den Abtransport der gelösten Kalkablagerungen. Ein weiterer medizinischer Ansatz fußt auf der Annahme, daß die Stoßwellenenergie einen Durchbruch der Ablagerungen in die darüberliegenden Schleimbeutel bewirkt, in denen dann die Auflösung der Kalkstrukturen stattfindet.

Teilweise wird vermutet, daß es bei der Behandlung knochennaher Weichteil-Schmerzen durch die Stoßwellen zur Überreizung der schmerzleitenden Nerven kommt, was für eine gewisse Zeit zu einer Abnahme der Empfindlichkeit und damit zur Schmerzlinderung führt. Dieses Zeitfenster kann dann für therapeutische Maßnahmen ausgenutzt werden, die eine langandauernde Linderung des Schmerzes herbeiführen.

Bei der Behandlung von Knochenbrüchen regen die Stoßwellen die Tätigkeit körpereigener Reparaturmechanismen an.

Radiale Stoßwellentherapie

Diese Behandlung kommt ohne Einsatz von Röntgengeräten oder Medikamenten aus und ist gut verträglich. Durch Stoßwellenbehandlungen werden die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt.

Bei der Behandlung wird der Schmerzpunkt lokalisiert durch Tastbefund des untersuchenden Arztes oder durch einen Ultraschallbefund. Zur Behandlung wird der Schallkopf des radialen Stoßwellengerätes über der Schmerzzone bewegt. Zur Zeit erfolgen regelhaft 4 Sitzungen mit 2000 Impulsen in Wochenabstand, dann eine 5. Anschlussbehandlung ca. 1 Monat später.

Indikationsgebiete für die Stoßwellentherapie sind:

•       Tennisellbogen

•       Kalkschulter

•       Fersenspombeschwerden

•       chronische Reizzustände an Sehnenursprüngen oder —ansätzen

•       chronische Bandüberlastungsbeschwerden, an LWS oder KWS

•       Achillodynie

•       Patellaspitzensyndrom

Die extrakorporale Stoßwellentherapie kommt für konservativ therapieresistente Krankheitsbilder in Frage, die chronisch geworden sind. Das Ziel ist, einen operativen Eingriff zu umgehen.